{"id":206,"date":"2014-07-05T01:00:11","date_gmt":"2014-07-04T23:00:11","guid":{"rendered":"http:\/\/www.wababbel.de\/christine\/?p=206"},"modified":"2014-07-06T10:50:39","modified_gmt":"2014-07-06T08:50:39","slug":"lukrez-spracherfinder-gibt-es-nicht","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/fringillallala.wababbel.de\/?p=206","title":{"rendered":"Lukrez: Spracherfinder gibt es nicht"},"content":{"rendered":"<p style=\"margin-bottom: 0cm\"><span style=\"font-family: Times New Roman, serif\">Ich finde, dieser Text ist in mehrerlei Hinsicht ein guter Start f<\/span><span style=\"font-family: Times New Roman, serif\">\u00fc<\/span><span style=\"font-family: Times New Roman, serif\">r die <a href=\"http:\/\/www.wababbel.de\/christine\/lesekreisel\/\">Lesekreiselreisen<\/a> hier. Ich fand ihn, weil ich wissen wollte, was und wie Lukrez geschrieben hat. Ich wollte das wissen, weil ich las, dass Francis Ponge ihn besonders mochte, Matthew Arnolds nicht.<\/span><\/p>\n<p style=\"margin-bottom: 0cm\"><span style=\"font-family: Times New Roman, serif\">In meinem Kindlers Literaturlexikon (1974) steht: \u201cDurch sein archaisierendes Sprachkolorit steht in der Nachfolge des Ennius der schon genannte Epikureer LUKREZ (ca. 95-55 v. Chr.), der in seinem Werk <\/span><span style=\"font-family: Times New Roman, serif\"><i><span style=\"font-weight: normal\"><a href=\"http:\/\/www.textlog.de\/lukrez-spracherfinder.html\">De rerum natura <\/a><\/span><\/i><\/span><span style=\"font-family: Times New Roman, serif\">\u00fc<\/span><span style=\"font-family: Times New Roman, serif\">ber den <\/span><span style=\"font-family: Times New Roman, serif\"><i><span style=\"font-weight: normal\">L&#8217;art -pour -l&#8217;art<\/span><\/i><\/span><span style=\"font-family: Times New Roman, serif\">&#8211; Standpunkt der alexandrinischen Repr<\/span><span style=\"font-family: Times New Roman, serif\">\u00e4<\/span><span style=\"font-family: Times New Roman, serif\">sentaten didaktischer Poesie hinausw<\/span><span style=\"font-family: Times New Roman, serif\">\u00e4<\/span><span style=\"font-family: Times New Roman, serif\">chst, die philosophischen Gehalte des attischen Denkens mit einer einzigartigen Dynamik ergreift und dabei die Subtilit<\/span><span style=\"font-family: Times New Roman, serif\">\u00e4<\/span><span style=\"font-family: Times New Roman, serif\">ten der Epikureischen \u201cPhysiologia\u201d durch ein in seiner Art grandioses Wohlgef<\/span><span style=\"font-family: Times New Roman, serif\">\u00fc<\/span><span style=\"font-family: Times New Roman, serif\">hl adelt. \u00a0<\/span><span style=\"font-family: Times New Roman, serif\">Das Lehrgedicht wahrt den Zusammenhang mit der Poesie \u2026 durch die Elemente einer ganz individuellen Naturbetrachtung, &#8230;\u201d (Bd.1, S. 127)<\/span><\/p>\n<p style=\"margin-bottom: 0cm\"><span style=\"font-family: Times New Roman, serif\">Das machte mich doch gespannt auf das Werk.<\/span><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Wahnsinn ist es daher an einen Erfinder zu glauben,<br \/>\nDer einst Namen den Dingen verliehn und den Menschen die ersten<br \/>\nW\u00f6rter gelehrt. Weshalb hat denn dieser allein es verstanden,<br \/>\nAlles mit Worten zu nennen und Laute verschieden zu bilden,<br \/>\nW\u00e4hrend zur selbigen Zeit dies keiner der \u00e4ndern vermochte?<br \/>\nWenn zudem nicht auch andre sich untereinander der Sprache<br \/>\nH\u00e4tten bedient, wie kam man dazu den Nutzen der Sprache<br \/>\nEinzusehn, und woher ward diesem zuerst das Verm\u00f6gen,<br \/>\nWas er gedachte zu tun, im Geiste voraus zu ermessen?<br \/>\nEbenso war es unm\u00f6glich als einer die vielen zu zwingen,<br \/>\nDa\u00df sie willig sich f\u00fcgten, die Namen der Dinge zu lernen,<br \/>\nNoch war es irgend leicht, vor tauben Ohren zu lehren<br \/>\nUnd ihr Tun zu beraten. Sie w\u00fcrden auch nimmer es dulden<br \/>\nUnd durchaus nicht ertragen, wenn einer noch weiter vergeblich<br \/>\nIhnen das Ohr vollstopfte mit nimmer vernommenen Lauten.<br \/>\nEndlich was ist denn dabei so sehr zu verwundern, wenn wirklich<br \/>\nUnser Menschengeschlecht, de\u00df Stimme und Zunge gesund war,<br \/>\nNach den verschiednen Gef\u00fchlen den Dingen verschiedenen Laut gab.<br \/>\nL\u00e4\u00dft doch auch stummes Vieh, ja selbst die Sippen des Wildes<br \/>\nGanz verschiedene T\u00f6ne und mancherlei Laute vernehmen,<br \/>\nWenn bald Furcht, bald Schmerz, bald schwellende Lust sie beweget.<br \/>\nDenn dies l\u00e4\u00dft sich ja doch aus bekannten Erscheinungen lernen.<br \/>\nWenn die gewaltige Dogge molossischer Rasse gereizt wird<br \/>\nUnd aus dem fleischigen Rachen mit bleckenden Z\u00e4hnen hervorknurrt,<br \/>\nKlingt ihr Drohn bei verhaltener Wut ganz anders, als wenn sie<br \/>\nLosbellt und schier alles mit ihrem Gebr\u00fclle erf\u00fcllet.<br \/>\nOder auch wenn sie die Brut mit der Zunge so z\u00e4rtlich belecket<br \/>\nOder sie rollt mit den Pfoten und harmlos bei\u00dfend sie anf\u00e4llt<br \/>\nOder mit achtsamem Zahne die Nestlinge droht zu verschlingen,<br \/>\nDann ist ihr sanftes Gekl\u00e4ffe doch sehr von dem Belfern verschieden,<br \/>\nDas sie allein vollf\u00fchrt, wenn ihr Herr sie zu Hause gelassen<br \/>\nOder wenn winselnd dem Schlag sie entflieht mit gekniffenem Leibe.<br \/>\nScheint nicht ferner das Ro\u00df in verschiedenem Tone zu wiehern,<br \/>\nWenn es als Hengst in der Jugend Kraft rast unter den Stuten,<br \/>\nM\u00e4chtig getroffen vom Sporn des gefl\u00fcgelten Gottes der Liebe,<br \/>\nOder zur Schlacht galoppiert und aus offenen N\u00fcstern voranschnaubt,<br \/>\nOder beim Todesr\u00f6cheln mit schulternden Gliedern noch wiehert?<br \/>\nEndlich das fliegende Volk und die buntgefiederten V\u00f6gel, Habichte,<br \/>\nAdler und Taucher, die \u00fcber den Wogen des Meeres<br \/>\nSchweben und Nahrung und Leben aus salzigen Fluten gewinnen,<br \/>\nGeben verschiednes Geschrei von sich zu verschiedenen Zeiten,<br \/>\nUnd wenn sie streiten um&#8217;s Pressen und um das Erbeutete k\u00e4mpfen.<br \/>\nTeilweis \u00e4ndern sie auch je nach dem verschiedenen Wetter<br \/>\nIhr rauhklingend Gekr\u00e4chz. Als Beispiel nenn&#8216; ich das alte<br \/>\nKr\u00e4hen- und Rabengeschlecht. Man sagt, sie schreien nach Wasser<br \/>\nUnd nach Regen und rufen bisweilen auch Winde und St\u00fcrme.<br \/>\nWenn demnach schon die Tiere verschiedne Empfindungen zwingen,<br \/>\nOb sie auch sprachlos sind, verschiedene Stimmen zu \u00e4u\u00dfern,<br \/>\nWieviel mehr war der Mensch nat\u00fcrlich damals imstande<br \/>\nMit verschiedenen Lauten bald dies zu bezeichnen, bald jenes.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"margin-bottom: 0cm\"><span style=\"font-family: Times New Roman, serif\">Abgesehen davon, dass es mich fasziniert, wie und was im 1. Jh. v. Chr. schon geschrieben wurde ( Wie gut die <\/span><span style=\"font-family: Times New Roman, serif\">\u00dc<\/span><span style=\"font-family: Times New Roman, serif\">bersetzung ist, kann ich nicht sagen, f<\/span><span style=\"font-family: Times New Roman, serif\">\u00fc<\/span><span style=\"font-family: Times New Roman, serif\">r mich liest sie sich super), gef<\/span><span style=\"font-family: Times New Roman, serif\">\u00e5<\/span><span style=\"font-family: Times New Roman, serif\">llt mir die Argumentation im ersten Teil, weil sie so wunderbar common sense ist.. Und ich <\/span><span style=\"font-family: Times New Roman, serif\">meine<\/span><span style=\"font-family: Times New Roman, serif\">, der zweite Teil passt gut zu diesem Blog, so weit er bisher gediehen ist. Ausserdem m<\/span><span style=\"font-family: Times New Roman, serif\">\u00fc<\/span><span style=\"font-family: Times New Roman, serif\">sste er eigentlich thematisch mindestens am<\/span><span style=\"font-family: Times New Roman, serif\">\u00fc<\/span><span style=\"font-family: Times New Roman, serif\">sant im Rahmen von wababbel sein?<\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ich finde, dieser Text ist in mehrerlei Hinsicht ein guter Start f\u00fcr die Lesekreiselreisen hier. Ich fand ihn, weil ich wissen wollte, was und wie Lukrez geschrieben hat. Ich wollte das wissen, weil ich las, dass Francis Ponge ihn besonders mochte, Matthew Arnolds nicht. 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